Seid freundlich zu den Zahlen! Warum und wie wirkt das?

Seid freundlich zu den Zahlen!

Warum und wie wirkt das?

Ein Beitrag von Gabi Preiß

 

„Seid freundlich zu den Zahlen, dann sind die Zahlen auch freundlich zu euch.“

Diesen Satz habe ich viele Male von meinem Vater, Gerhard Preiß, als Einstieg in ein Seminar gehört. Er wirkte wie ein Eisbrecher: rief freundliche Blicke hervor, ein Lächeln.

Warum trägt dieser Satz so und wie kann man ihn mit und für die Kinder umsetzen?

Warum Freundlichkeit gegenüber Zahlen keine Selbstverständlichkeit ist

Kinder bringen eine natürliche Neugier für Zahlen mit. Sie stellen Fragen, vergleichen und probieren aus. Für viele Erwachsene dagegen haben Zahlen im Laufe der Zeit ihre Freundlichkeit verloren.
Das liegt nicht primär an individuellen Schul- oder Lernerfahrungen, sondern am hohen Abstraktionsgrad der Mathematik. Mathematik begegnet uns im Erwachsenenleben als etwas Funktionales und Notwendiges. Sie wird gebraucht, berechnet, abgearbeitet. Selten wird sie erlebt oder genossen. Mit dieser Abstraktheit geht oft ein Verlust an Beziehung und damit an Freundlichkeit einher.

Diese Haltung tragen wir, meist unbewusst, auch in Bildungsprozesse hinein. Für Kinder ist es jedoch entscheidend, dass sie bei den Erwachsenen eine andere Erfahrung machen dürfen.

Freundlichkeit als didaktisches Handwerk

Bei Prof. Preiß bleibt Freundlichkeit nicht auf der Ebene der Haltung stehen. Sie ist didaktisch ausgearbeitet und fest in den Projekten verankert.
Sie zeigt sich im klaren Aufbau der Lerneinheiten, in wiederkehrenden Strukturelementen, in den Rollen und Aufgaben der Kinder sowie in den Übergängen zwischen Begrüßen, Erkunden und Verabschieden. Kinder begegnen Zahlen nicht abstrakt. Sie nähern sich ihnen handelnd, dürfen Zahlen spielen, in ihre Rolle schlüpfen und dabei ihre Eigenschaften und Strukturen kennenlernen.

So entstehen Vertrautheit und Sicherheit. Motivation, gute Gefühle und Aufmerksamkeit entwickeln sich aus der Handlung heraus, nicht durch Aufforderung.

Die drei Grundbedingungen des Lernens

Freundlichkeit meint hier nicht Nettigkeit. Sie umfasst drei zentrale Bedingungen des Lernens, die in der Neurodidaktik eine zentrale Rolle spielen:

  • Emotion
    Lernen ist immer emotional begleitet. Positive Gefühle erhöhen die Bereitschaft, sich einzulassen, dranzubleiben und auch Fehler auszuhalten.
  • Motivation
    Kinder wenden sich dem zu, was für sie Bedeutung hat. Eine freundliche Haltung schafft Beziehung. Beziehung weckt Motivation.
  • Aufmerksamkeit
    Aufmerksamkeit folgt Bedeutung. Was angesprochen wird, was Zeit bekommt, kann sich im Denken verankern.

Diese drei Faktoren wirken nicht getrennt voneinander, sondern immer gemeinsam.

Wie wir diese Freundlichkeit leben und fördern können

Diese Haltung lässt sich nicht „machen“, aber sie lässt sich bewusst unterstützen:

  • Zeit geben
    Nicht alles muss sofort verstanden werden. Freundlichkeit zeigt sich darin, Entwicklung zuzulassen.
  • Wiederholung zulassen
    Was Kinder wiederholen wollen, ist oft das, was sich gerade verankert.
  • Fehler gelassen begleiten
    Freundlichkeit zeigt sich im Umgang mit Irrtümern, im Ton, nicht im Tempo.

Freundlich zu den Zahlen zu sein heißt nicht, Anforderungen zu senken. Es heißt, Kindern einen sicheren Raum für mathematische Entdeckungen zu geben.

Beobachten und reagieren

Aus dem Leitspruch „Seid freundlich zu den Zahlen“ ergeben sich drei einfache, aber entscheidende Beobachtungsfelder, bezogen auf ein einzelnes Kind oder auf die Gruppe insgesamt.

  • Emotion: Wirken die Kinder sicher und zuversichtlich oder zeigen sich Überforderung, Rückzug oder Angst?
  • Motivation: Wollen die Kinder sich mit den Zahlen beschäftigen oder halten sie nur durch?
  • Aufmerksamkeit: Können die Kinder bei der Sache bleiben oder zerfällt die Konzentration?

Diese Beobachtungen können im Gespräch mit den Kindern aufgegriffen werden, um gemeinsam zu überlegen, wie „ihr Zahlenland“ bestmöglich gestaltet werden kann. Zudem geben sie wertvolle Hinweise, ob Anpassungen sinnvoll sind.

Beispiele für Anpassungen aus der Praxis:
  • In einer Gruppe sinkt die Aufmerksamkeit nach einiger Zeit merklich. Man kann eine Pause einlegen oder die Aktivitäten einer Lerneinheit auf zwei Treffen verteilen. Kinder dürfen sich Spiele oder Aktivitäten wünschen, Inhalte werden je nach Bedarf vertieft oder ausgelassen.
  • In einer Vorklassen-Gruppe, die ich durch das Zahlenland begleiten durfte, überforderte die Vielfalt der Materialien einige Kinder. Ich habe die Komplexität bewusst reduziert und mich in einer Stunde auf nur ein Material (z. Bsp. Stabfiguren) konzentriert, welches wir dann gemeinsam in Ruhe erkundeten.
  • Ein einzelnes Kind reagiert abwehrend auf den Fehlerteufel/Fehlermax, weil es die Unordnung „nicht aushält“. Ich verabrede vorher, ob heute bei seiner Wohnung ein Fehler gemacht werden darf oder nicht. Oder: Ich lade es ein, mit mir gemeinsam den Fehlerteufel/Fehlermax zu spielen. So macht das Kind die Erfahrung, dass die Unordnung nicht Kontrollverlust bedeutet und auf Unordnung immer wieder Ordnung folgt.

Solche Anpassungen sind kein Abweichen vom Konzept. Sie sind Ausdruck einer aufmerksamen, professionellen Begleitung. Freundlich zu den Zahlen zu sein heißt, den Rahmen so zu gestalten, dass Motivation, gute Gefühle und Aufmerksamkeit erhalten bleiben.


Sicherlich haben Sie selbst im Alltag schon viele eigene Beobachtungen gemacht und Wege gefunden, darauf zu reagieren.

Ich freue mich sehr, wenn Sie Ihre Erfahrungen z. Bsp. in unseren Aufbauseminaren mit anderen Fachkräften teilen. Gerne können Sie auch auf www.instagram.com/zahlenland oder www.facebook.com/zahlenland einen Kommentar hinterlassen oder mir schreiben an gabi.preiss@zahlenland.info.

Ich wünsche Ihnen viele schöne, freundliche Stunden mit den Kindern im Zahlenland.

Mit herzlichen Grüßen
Gabi