20 Jahre Entenland – Warum ein eingebildeter Vogel, ein frecher Fuchs und ein weiser Rabe so wichtig für die Kinder sind

20 Jahre Entenland

Warum ein eingebildeter Vogel, ein frecher Fuchs und ein weiser Rabe so wichtig für die Kinder sind

Es war der 23. September 2006. In Freiburg versammelten sich Erzieherinnen und Erzieher zum ersten Entenland-Workshop unter Leitung von Gerhard Preiß. Auf dem Programm stand: ein neugieriges Entenkind, das sich immer versteckt. Eine ältere Ente namens Oberschlau, von sich selbst überzeugt – „Ich bin die Ente Oberschlau und weiß schon alles ganz genau“ – und regelmäßig auf die Schnauze fällt. Ein weiser Rabe, der Rätsel stellt. Und ein Fuchs, dem man besser nicht traut.

Die Reaktion? Begeisterung. Seitdem haben Tausende von Kindern zwischen zweieinhalb und fünf Jahren im Entenland Farben sortiert, Würfel geworfen, Längen verglichen und Jahreszeiten entdeckt. Zwanzig Jahre. Das ist kein Zufall.

Was die Bildungspläne sagen – und was das Entenland tut

Wer zum Beispiel den Hessischen Bildungs- und Erziehungsplan aufschlägt, findet unter Mathematik Begriffe wie „Pränumerischer Bereich“ und „Sprachlicher und symbolischer Ausdruck mathematischer Inhalte“.

Der pränumerische Bereich meint: Kinder brauchen, bevor sie wirklich rechnen lernen, Erfahrungen mit Raum und Lage, Formen und Mengen, Ordnung und Regelmäßigkeit. Sie müssen sortieren, klassifizieren, vergleichen. Das Gehirn braucht diese Grundstruktur, wie ein Haus, das zunächst ein solides Fundament braucht, bevor man die Wände hochzieht.

Und genau das macht das Entenland. Lernfeld 1: Farben und innen/außen. Lernfeld 2: Ebene Formen und ebene Formen in Kombination mit Farben. Lernfeld 3: Zählen, Würfeln, Simultanerfassung. Lernfeld 4: Räumliche Figuren, oben/unten, Gewicht. Lernfeld 5: Höhen, Längen, vorne/hinten, rechts/links. Lernfeld 6: Vorher/nachher und Jahreszeiten. Der Bildungsplan beschreibt das Ziel, das Entenland gibt den Weg dorthin. Spielerisch, strukturiert, mit Liedern und Ritualen, die Kindern Sicherheit geben und gleichzeitig Neugier wecken.

Beispiel: Der Hessische BEP nennt als Bildungs- und Erziehungsziel u. a.: „Vergleichen, Klassifizieren und Ordnen von Objekten“, „Grundlegende Auffassung von Raum und Zeit“ und „Umgang mit Begriffen wie z. B. größer, kleiner, gleich“ – allesamt Lernfelder des Entenlands.

 

Sprache und Denken: zwei Seiten derselben Medaille

Die Bildungspläne halten fest, was die Forschung schon lange belegt: Mathematisches Lernen und Sprachentwicklung sind untrennbar verbunden. Sprache ist nicht nur das Werkzeug, um Ergebnisse mitzuteilen. Sie ist das Medium, in dem sich Denken entwickelt und verfeinert.

Jede Lerneinheit des Entenlands ist durchzogen von Sprache: Reime, Rätsel, Geschichten, Gesprächsrunden. Wenn die Ente Oberschlau mit ihrer Aufgabe scheitert und die Kinder ihr erklären müssen, wie es richtig geht, passiert etwas Entscheidendes: Die Kinder verbalisieren ihr Denken. Sie machen es sichtbar für sich und für andere.

“Rate, rate, wer ist das? Watschelt durch das grüne Gras. Glaubt, dass sie die Beste sei, schneller als die schnelle Polizei. Schlauer als die halbe Welt, bis sie auf den Schnabel fällt.”

Kinder, die regelmäßig im Entenland sind, entwickeln Wortfelder für Räumliches („innen“, „außen“, „vor“, „hinter“), für Quantitäten („mehr“, „weniger“, „gleich viel“) und für Zeit („vorher“, „nachher“, „gestern“, „morgen“).

 

Chancengerechtigkeit

Kinder kommen mit sehr unterschiedlichen Startbedingungen in die Kita. Manche haben zu Hause täglich Geschichten, Gespräche, Spiele, eine anregende Umwelt, die Denken und Sprache fast beiläufig fördert. Andere kaum.

Diese Unterschiede sind real und wirken sich langfristig aus. Der Ökonom und Nobelpreisäger James Heckman hat in jahrzehntelanger Forschung belegt: Frühkindliche Bildung ist der wirksamste Hebel gegen Bildungsungleichheit. Die Rendite – gemessen in späterer Schul- und Berufsbiografie – ist für benachteiligte Kinder am höchsten. Wer früh investiert, spart später ein Vielfaches.

Die OECD dokumentiert in ihren Starting Strong-Berichten regelmäßig: Länder, die frühe Bildung strukturiert, qualitätsvoll und ohne Bruch zur Grundschule gestalten, wie z. Bsp. Finnland, Dänemark oder Schweden, schaffen es deutlich besser, Bildungsungleichheit abzufedern. In Deutschland hängt Bildungserfolg nach wie vor stärker vom Elternhaus ab als in den meisten anderen OECD-Ländern.

Die Kita ist eine der wichtigsten Bildungsinstitutionen, die wir haben. Und strukturierte Angebote wie das Entenland sind kein Luxus, sie sind ein Gerechtigkeitsinstrument.

„In unserem Konzept haben wir festgelegt, dass wir jedes Kind dort abholen, wo es steht, und kein Kind benachteiligt wird – egal ob es Ausflüge, Aktionen oder den Alltag betrifft. Jedes Kind darf ein Teil vom Entenland werden und seine ersten eigenen Erfahrungen mit den Zahlen, Formen und Farben machen.“ Mandy-Alessandra Bamberg, Kita Kleines Wunderland, Korbach (Hessen)

Quellen: Hessischer Bildungs- und Erziehungsplan (BEP 2019), S. 75–76 | OECD Starting Strong (2021) | James Heckman: „The Economics of Human Potential“ | Gerhard Preiß: „Entdeckungen im Entenland“ (Leitfäden 1–2, 2007)

 

20 Jahre. Was sich bewährt hat.

Das Entenland ist nicht deshalb seit 20 Jahren in Kitas, weil es sich gut vermarktet. Es ist geblieben, weil es funktioniert.

Weil Kinder die Figuren lieben und ungeduldig auf das nächste Treffen warten. Weil das Ritual – „Schwimmt es auf dem See? Läuft es durch den Klee?“ – Sicherheit und Spannung zugleich schafft. Weil die Ente Oberschlau scheitert und Kinder dabei lernen: Fehler sind kein Desaster, sondern der Anfang vom Verstehen.

„Selbst Kinder, die manches Mal durch Konzentrationsschwierigkeiten auffallen, zeigen hier die Motivation, ausdauernd daran teilzunehmen. Die Kinder präsentieren die gelernten Inhalte gerne und mit Stolz.“

Das Team der Kita Kleiner Kiebitz in Leipzig erklärt ihre Arbeit mit dem Entenland so:

„Weil es Spaß macht, mit den Zahlen, Farben, Formen zu spielen und kreativ zu sein – und weil die Kinder dabei systematisches Verständnis und logische Zusammenhänge entwickeln, ohne dass es sich wie Lernen anfühlt.“

Genau. Zwanzig Jahre. Tausende Kinder. Ich finde: Das ist einen kleinen Jubel wert.

Mit herzlichen Grüßen,

Gabi Preiß

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